«Der grüne Esel»

Erzählungen des Tunesiers Hassouna Mosbahi

Von den zeitgenössischen maghrebinischen Literaturen wird die tunesische hierzulande am wenigsten rezipiert. Aus dem Arabischen − der Amtssprache aller drei Länder − wurde bisher gerade ein Autor ins Deutsche übersetzt. Aus Algerien und Marokko sind es zwar nicht viel mehr, doch hier ist der Anteil der frankophonen Autoren und Autorinnen, die auf Deutsch übersetzt sind, wesentlich höher; sie dürfen sich zu Recht auch als repräsentativ für die Literaturen dieser Länder verstehen.
Dieser eine tunesische Schriftsteller ist Hassouna Mosbahi. 1989 veröffentlichte der Greno-Verlag eine (heute vergriffene) Sammlung von Erzählungen: So heiss, so kalt, so hart. Vor kurzem folgte ein zweiter Band, diesmal im Münchner A1 Verlag: Der grüne Esel, in einer Übersetzung der Leipziger Arabistin Regina Karachouli. Aufmerksamen Lesern und Leserinnen des deutschen Feuilletons ist Mosbahi kein Unbekannter, er publiziert dort regelmässig, in letzter Zeit einige sehr lesenswerte Porträts von Schriftstellerinnen aus der arabischen Welt.
Mosbahi lebt seit 1985 in München, zuvor war er längere Zeit in Europa und der arabischen Welt quasi nomadisierend unterwegs − seit 1980, als er endlich einen Pass erhielt und ausreisen durfte. Er war mehrere Jahre arbeitslos gewesen, nachdem man ihn als Französischlehrer entlassen hatte. Wäh-rend seiner Studentenzeit wurde er wegen Sympathien für den Marxismus verhaftet und verbrachte − dank einer Amnestie − eine kurze Zeit im Gefängnis. Literarische Werke zu schreiben begann Mosbahi sehr früh, bereits mit 18 Jahren erhielt er für eine Erzählung den Preis des tunesischen Rundfunks, für die erste Erzählsammlung dann den Nationalpreis der tunesischen Novelle (1985). Seither sind ein weiterer Erzählband und der Roman Die Rückkehr nach Tarschisch (1995) erschienen.
Mosbahi, der einer alten Beduinensippe entstammt, wurde 1950 in Masjuta geboren, einem kleinen Dorf unweit der heiligen Stadt Kairouan. Acht der zwölf in Der grüne Esel versammelten Texte haben zumindest etwas mit diesem Masjuta und seiner kargen Umgebung zu tun. Sie erzählen die Geschichte kleiner "Dörfler", vom Ladenbesitzer Milud, dem ein Unglückvogel erscheint und der kurz darauf seinen ältesten Sohn verliert, von der Tante Mahbuba, der jeweils Träume die Schicksalsschläge ihres Lebens ankündigten, deren letzter Traum aber vom wundersamen Licht handelt, das ihr im Tode zuteilwerden wird. Andere berichten von einem Ich-Erzähler, der hier aufwächst und deren erste Bildungserlebnisse (Koranschule, Bücher, Radio und Kino) im Dorf ihren Anfang nehmen (Der Koran und Lady Chatterley sowie Kino, Fieber, erste Lust). In einer Erzählung sind es machtgierige Dorfpotentaten, die um die Nachfolge des Gemeindevorstehers in einen handgreiflichen Streit geraten. Auch unbestimmbare Gegenden oder das Rheinland dienen als Handlungsort. Letzteres in dem mit Der richtige Ort überschriebenen Text − gemeint ist jedoch nicht die Stadt Köln als Ort eines glücklichen Exils, wo der Protagonist andere Emigranten besucht, sondern jene Stelle am kalten, nebelverhangenen Rhein, an der er danach ins Wasser geht.
Allein schon die Handlungsorte legen nahe, dass in Mosbahis Erzählungen der autobiographische Bezug eine bedeutende Rolle spielt. Am stärksten zeigt er sich in den beiden Texten über Schul-, Lese- und Kinoerfahrungen. Sie erzählen deren Einfluss auf die individuelle und kulturspezifische Entwicklung eines angehenden arabischen Schriftstellers. Prägende Eindrücke hinterlassen der Koran − insbesondere das ästhetische Erlebnis der gemeinsamen Koranlektüre − und Nagib Machfus mit seiner detailreichen Schilderung des Alltagslebens. D.H. Lawrence vermittelt dem Autor die Möglichkeit, offen über Sexualität zu schreiben. Der Fremde von Camus lässt seine bisherige Welt zerbrechen, die Stimmungslage in Der richtige Ort zeugt in eindrücklicher Weise davon. Ein Stück Heimat erhält Mosbahi, der sich von der arabischen Vergangenheit, vor allem in So heiss, so kalt, so hart, deutlich distanziert hat, in einem Film des tunesischen Regisseurs Férid Boughedir wieder zurück.
Die kompositorische Grundlage für die meisten Texte in Der grüne Esel bildet die Struktur der Erinnerung. Mit ihrem tastenden Suchen, ihren Abweichungen und Ungenauigkeiten ist sie eher für den Roman als für die idealtypischerweise konzise Erzählung geeignet. Dieser Gattung zuzuordnen sind denn in einem strengen Sinne auch nur Die Kibla, eine gelungene Variation des Themas von sturer vs. offener Religiosität, und Die Dichter, in der Mosbahi eine glänzende Charakterisierung der Beziehung von Macht und Literatur in der arabischen Welt gelingt. Die Erinnerungstexte, sie erzählen Erlebnisse des Ich-Erzählers oder früher gehörte Geschichten, die er aus dem Gedächtnis aufschreibt, führen die Leser und Leserinnen mit vielen Ab- und Umwegen durch mitunter ab-gründige Welten. Sie beschreiben in einer sinnlichen, bilderreichen Sprache die Träume, Sehnsüchte, Begierden, Nöte und Niederlagen der Menschen einer eng begrenzten Welt, die sich gar nicht so weit weg von der unsrigen befindet. Dass Mosbahi bei aller − zweifellos durch die orale Erzähltradition beeinflussten − Spontaneität doch kontrolliert schreibt, zeigt am deutlichsten Gesichter: Der Ich-Erzähler sitzt beim Einnachten im Zug, schön der Reihe nach lässt er Gesichter an sich vorüberziehen, die in seinem Leben eine Rolle spielten.
Trotz einiger editorischer Mängel (kein Publikationsnachweis, das einzige, für den Band untypische Märchen als Titelerzählung) präsentiert Der grüne Esel einen Autor, der viel Beachtung verdient.

Hassouna Mosbahi: Der grüne Esel. Tunesische Erzählungen. Aus dem Arabischen von Regina Kara-chouli. A1 Verlag. München 1996

Veröffentlichung: 
NEUE ZÜRCHER ZEITUNG, 25. Oktober 1996